Einspruch gegen Strafbefehl

Auf dieser Seite erfahren Sie, wie gegen einen Strafbefehl vorgegangen werden kann, welche Form, Formulierungen und Fristen der Einspruch erfüllen muss und welche Beschränkungen es gibt.

Tommy Kujus

Fachanwalt für Strafrecht

8 Minuten

Aktualisiert: 17.05.2026

Einspruch gegen Strafbefehl
Das steht im Gesetz: § - StGB

Inhaltsverzeichnis

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Es ist ein Szenario, das den Puls augenblicklich in die Höhe treibt: Sie öffnen den Briefkasten und finden einen markanten gelben Umschlag. Der Absender ist das örtliche Amtsgericht, und der Inhalt trifft viele Beschuldigte völlig unvorbereitet. In zahlreichen Fällen erfahren Betroffene durch dieses Dokument überhaupt erst, dass gegen sie ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren geführt wurde. Bei einem Strafbefehl handelt es sich keineswegs um ein bloßes Bußgeld oder eine triviale Bagatelle, sondern um ein echtes strafrechtliches Urteil im schriftlichen Verfahren.

Wer dieses Dokument auf die leichte Schulter nimmt oder aus reiner Überforderung ignoriert, riskiert fatale Konsequenzen für die eigene Zukunft. Der Staat nutzt den Strafbefehl, um Verfahren schnell und geräuschlos abzuschließen. Doch was bequem für die Justiz ist, kann für Sie den Eintrag einer Vorstrafe bedeuten. In dieser prekären Lage ist Orientierung das Wichtigste, denn Sie sind der staatlichen Maschinerie nicht schutzlos ausgeliefert.

Die rechtliche Einordnung: Was bedeutet der Strafbefehl für Sie?

Das Gesetz gibt der Staatsanwaltschaft mit dem Strafbefehl ein Instrument an die Hand, um eine Verurteilung ohne die belastende und öffentliche Hauptverhandlung zu erwirken. Aus juristischer Sicht tritt der Strafbefehlsantrag an die Stelle der Anklageschrift und der Strafbefehl selbst übernimmt die Funktion des Eröffnungsbeschlusses.

Die dogmatische Härte des Gesetzes zeigt sich vor allem in seiner Fristgebundenheit. Wenn Sie nicht aktiv werden, erwächst der Strafbefehl nach Ablauf der gesetzlichen Frist in eine uneingeschränkte formelle und materielle Rechtskraft. Das bedeutet: Die verhängte Strafe wird unumstößlich, und der Strafbefehl steht einem rechtskräftigen Urteil gleich. Sie gelten dann als vorbestraft, mit allen damit verbundenen beruflichen und privaten Konsequenzen. Umso wichtiger ist es, das Instrument des Einspruchs gezielt zu nutzen, um diese Rechtskraft zu durchbrechen.

Wie und bis wann kann ich Einspruch gegen einen Strafbefehl einlegen?

Die absolute Kernfrage in dieser Situation betrifft die Frist. Der Einspruch gegen den Strafbefehl muss zwingend binnen zwei Wochen eingelegt werden, da er andernfalls rechtskräftig wird. Das juristische Fallbeil fällt hierbei präzise: Die Frist beginnt exakt mit der Zustellung des Strafbefehls. Maßgeblich ist das Datum, das der Postbote auf dem gelben Umschlag notiert hat, und nicht der Moment, in dem Sie den Brief tatsächlich öffnen oder lesen. Wenn Ihnen das Dokument an einem Donnerstag zugestellt wurde, endet Ihre Frist unwiderruflich mit dem Ablauf des Donnerstages in genau zwei Wochen. Es kommt für die Wahrung dieser entscheidenden Frist auf den tatsächlichen Zugang bei Gericht an.

Einspruch gegen Strafbefehl

Sollten Sie die Frist unverschuldet versäumt haben – etwa weil Sie sich nachweislich im Urlaub befanden, im Krankenhaus lagen oder von dem laufenden Strafverfahren schlicht keine Kenntnis hatten –, bietet die Strafprozessordnung einen letzten Rettungsanker: die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand. Dies ist jedoch ein absoluter Ausnahmefall, bei dem das schlichte Vergessen niemals ausreicht. In einem solchen Szenario müssen Sie binnen einer strikten Frist von nur einer Woche nach Wegfall des Hindernisses den Einspruch nachholen und das unverschuldete Säumnis beim Gericht begründen sowie glaubhaft machen.

Für die praktische Umsetzung empfiehlt sich folgende Checkliste:

  • Form: Einspruch schriftlich (per Brief oder Fax) oder mündlich „zu Protokoll der Geschäftsstelle“ beim zuständigen Amtsgericht einlegen.
  • Beweissicherung: Idealerweise den Versand per Fax wählen, da hierbei das Sendeprotokoll als sicherer Nachweis für den rechtzeitigen Eingang dient.
  • Inhalt: Das Schreiben muss nicht das Wort „Einspruch“ enthalten, aber zweifelsfrei Ihren Willen erkennen lassen, die Entscheidung anzufechten.
  • Zuordnung: Zwingend das gerichtliche Aktenzeichen angeben, damit Ihr Schreiben zugeordnet werden kann.

Einspruch gegen Strafbefehl einlegen – Fristen & Ablauf

Sobald Ihr Einspruch form- und fristgerecht beim Amtsgericht eingegangen ist, wird der Suspensiv-Effekt ausgelöst: Die Vollstreckung der Strafe ist vorerst gestoppt, und das Gericht beraumt eine Hauptverhandlung an. Das Verfahren wechselt nun aus der schriftlichen Anonymität in das Licht des Gerichtssaals. Im Rahmen dieser Verhandlung prüft das Gericht nach den allgemeinen Regeln der Strafprozessordnung die Beweislage völlig neu.

Es ist essenziell, dass Sie in dieser anberaumten Hauptverhandlung vertreten sind. Erscheinen Sie unentschuldigt nicht, ermächtigt die Strafprozessordnung das Gericht dazu, Ihren Einspruch ohne weitere Sachprüfung durch ein sogenanntes Prozessurteil als unzulässig zu verwerfen. Die Richtigkeit des ursprünglichen Strafbefehls wird in diesem Moment nicht mehr hinterfragt, und die Strafe wird rechtskräftig. Sie können dieser drastischen Folge jedoch entgehen, wenn Sie sich durch einen Verteidiger vertreten lassen. Dies setzt allerdings zwingend voraus, dass Sie Ihrem Anwalt eine ausdrückliche, schriftliche Vertretungsvollmacht für die Hauptverhandlung erteilt haben. Ein erfahrener Verteidiger kann dann für Sie in die Bresche springen, Erklärungen abgeben und Sie vollumfänglich schützen, ohne dass Sie selbst auf der Anklagebank Platz nehmen müssen.

Einspruch gegen den Strafbefehl – ist die Hauptverhandlung zwingend?

Vielen Beschuldigten graut es vor dem Gang in den Gerichtssaal. Die gute Nachricht lautet: Eine mündliche Hauptverhandlung ist nicht in jedem Fall zwingend erforderlich. Das Gesetz ermöglicht es dem Gericht, auch durch Beschluss – also im rein schriftlichen Verfahren – zu entscheiden. Dies ist jedoch an strenge Vorgaben geknüpft. Ein solches Beschlussverfahren ist nur dann zulässig, wenn Sie den Einspruch ausschließlich auf die Höhe der Tagessätze beschränken und alle Prozessbeteiligten (Angeklagter, Verteidiger und Staatsanwaltschaft) diesem Vorgehen zustimmen. In diesem Szenario müssen Sie lediglich Ihre tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse, beispielsweise durch Arbeitsverträge oder Kontoauszüge, belegen.

Welche Alternativen gibt es zum Einspruch gegen den Strafbefehl?

Ein unbeschränkter Einspruch ist nicht immer die klügste strategische Wahl. Als maßgeschneiderte Alternative bietet sich die Beschränkung des Einspruchs an, die wie ein chirurgischer Eingriff funktioniert. Diese Taktik ist dann Gold wert, wenn der Vorwurf im Kern zutrifft, die verhängte Strafe aber überzogen oder existenzbedrohend ist.

Sie können den Einspruch einerseits auf einzelne, klar abgrenzbare Taten begrenzen, wenn Ihnen mehrere Delikte vorgeworfen werden. Andererseits – und dies ist der häufigste Fall – können Sie die Anfechtung auf die Rechtsfolgen beschränken. Bei einer Geldstrafe lässt sich so gezielt die Anzahl der Tagessätze oder deren Höhe angreifen.

Die Beschränkung auf die Anzahl der Tagessätze ist oft entscheidend für Ihre weiße Weste. Die Anzahl spiegelt die Schwere der Schuld wider. Wenn der Strafbefehl mehr als 90 Tagessätze anordnet, führt dies zwingend zu einem Eintrag in Ihr polizeiliches Führungszeugnis. Durch eine geschickte Verteidigung kann das einseitige Bild der Staatsanwaltschaft erschüttert und die Anzahl auf unter 90 Tagessätze gedrückt werden, um Sie vor der Vorstrafe im Führungszeugnis zu bewahren.

Ebenso können Sie lediglich die Höhe der Tagessätze anfechten, falls die Staatsanwaltschaft Ihr Einkommen mangels konkreter Daten zu hoch geschätzt hat. Da ein Tagessatz in der Regel einem Dreißigstel Ihres monatlichen Nettoeinkommens entspricht, führt eine Korrektur durch bloßes Einreichen von Einkommensnachweisen oft zu einer spürbaren finanziellen Entlastung. Bei dieser Form der Beschränkung tritt für den akzeptierten Teil des Strafbefehls – also den Schuldspruch – eine Teilrechtskraft ein.

Einspruch gegen Strafbefehl

Ist eine höhere Strafe nach Einspruch gegen einen Strafbefehl möglich?

Dies ist das größte Risiko und erfordert absolute strategische Klarheit. Wer unbeschränkt Einspruch einlegt, muss sich bewusst sein: Das Gericht ist in der neuen Hauptverhandlung nicht an die Strafe aus dem Strafbefehl gebunden. Das aus anderen Rechtsmitteln bekannte Verbot der Verschlechterung (die sogenannte reformatio in peius) gilt hier ausdrücklich nicht. Nach der durchgeführten Beweisaufnahme fällt das Gericht ein eigenständiges Urteil, das sowohl milder als auch deutlich strenger ausfallen kann als der ursprüngliche Strafbefehl. Genau aus diesem Grund bedarf jeder Einspruch einer kühlen, juristischen Risikoabwägung. Wer blindlings attackiert, bestraft sich am Ende womöglich selbst.

Tommy Kujus ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht. Er ist Inhaber der Leipziger Kanzlei KUJUS Strafverteidigung, und bundesweit als Strafverteidiger tätig.

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