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Aktenzeichen im Strafrecht

Aktenzeichen begegnen uns überall: In sämtlichen gerichtlichen und behördlichen Verfahren werden sie vergeben - Ob bei einer zivilrechtlichen Klage, beim Familiengericht, nach einem Verkehrsunfall oder im Strafverfahren bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht. Doch wie sind sie aufgebaut? Wofür stehen die einzelnen Zahlen und Abkürzungen? Wofür stehen die Buchstaben? Wie liest man Aktenzeichen? Und warum ändern sich Aktenzeichen von Zeit zu Zeit? Die Antworten finden Sie im folgenden Beitrag.

Tommy Kujus

Fachanwalt für Strafrecht

5 Minuten

Aktualisiert: 17.05.2026

Aktenzeichen im Strafrecht
Inhaltsverzeichnis

Stellen Sie sich vor, Sie öffnen Ihren Briefkasten und finden ein Schreiben der Polizei oder der Staatsanwaltschaft. Der Puls steigt, denn es geht hier nicht um ein einfaches Bußgeld für falsches Parken, sondern um ein echtes strafrechtliches Ermittlungsverfahren. In dieser ohnehin schon enorm belastenden Ausnahmesituation fällt Ihr Blick oft zuerst auf eine kryptische Kombination aus Zahlen und Buchstaben am oberen Rand des Papiers. Dieses sogenannte Aktenzeichen ist weit mehr als nur eine bürokratische Randnotiz der Behörden. Es ist der Identifikationsschlüssel für Ihr gesamtes Verfahren und verrät einem erfahrenen Strafverteidiger oft schon auf den ersten Blick, wie ernst Ihre Lage wirklich ist und in welchem Stadium sich die Ermittlungen gerade befinden.

Die rechtliche Einordnung: Wie Sie die kryptischen Zeichen entschlüsseln

Wenn Sie als Beschuldigter in ein Verfahren verwickelt werden, müssen Sie verstehen, dass Justiz und Polizei nicht im exakt gleichen System arbeiten. Die Polizei vergibt in der Regel zunächst ganz eigene Vorgangsnummern, bei denen sich in den verschiedenen Bundesländern oft spezifische Verfahrensweisen eingebürgert haben. Diese bestehen in der Praxis meist aus einer laufenden Nummer, dem aktuellen Jahr und der zuständigen polizeilichen Abteilung. Wenn Sie beispielsweise die Ziffernfolge 144 / 20 / 14320 auf einer polizeilichen Vorladung lesen, wissen Sie sofort, dass es sich um das 144. Verfahren aus dem Jahr 2020 in der Abteilung 14320 handelt.

Aktenzeichen im Strafrecht

Der Wechsel zur Staatsanwaltschaft und die Bedeutung der Buchstaben

Sobald die Polizei ihre grundlegenden Ermittlungen abgeschlossen hat und die Akte an die Staatsanwaltschaft übergibt, ändert sich das Bild drastisch. Nun betreten Sie die Sphäre der Justiz und das Aktenzeichen der Staatsanwaltschaft wird vergeben, welches meist das zentrale Gerüst für den kompletten Rest Ihres Verfahrens bildet. Sie erkennen ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren immer zweifelsfrei an dem Registerzeichen „Js“. Wenn auf Ihrem Brief also beispielsweise die Kombination 12 Js 1234/15 steht, bedeutet dies für Sie, dass Ihr Fall das 1234. Ermittlungsverfahren aus dem Jahr 2015 im zwölften Dezernat der Staatsanwaltschaft ist.

In manchen Regionen gewähren die Zahlen vor dem „Js“ sogar einen extrem präzisen Einblick in den Vorwurf, der gegen Sie im Raum steht. Bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth steht beispielsweise die erste Ziffer einer dreistelligen Zahl exakt für das betroffene Rechtsgebiet. Eine 3 deutet dort auf Betäubungsmittelsachen hin, eine 5 markiert eine Wirtschaftsstrafsache und eine 7 weist auf Straßenverkehrssachen oder Betriebsunfälle hin. Solche scheinbar kleinen Details helfen Ihrem Verteidiger enorm dabei, die Verteidigungsstrategie frühzeitig auf die Herangehensweise der zuständigen Spezialabteilung abzustimmen.

Wenn das Gericht übernimmt

Kommt es nach den Ermittlungen tatsächlich zu einer Anklage, wird die Systematik noch komplexer, denn das Gericht baut sein eigenes Aktenzeichen fast immer um das bereits bestehende Zeichen der Staatsanwaltschaft herum. Das ist aus einem ganz simplen, praktischen Grund so gelöst: Staatsanwaltschaft und Gericht nutzen im Strafverfahren schlichtweg dieselbe physische Hauptakte, die nach Abschluss des Verfahrens wieder bei der Staatsanwaltschaft archiviert werden muss.

Die hinzukommende Buchstabenfolge verrät Ihnen nun präzise, welches Gericht über Ihre Zukunft entscheidet. Ein „Cs“ signalisiert, dass ein Strafbefehlsverfahren beim Amtsgericht gegen Sie geführt wird, Sie also eine Verurteilung im schriftlichen Verfahren ohne mündliche Verhandlung abwehren müssen. Finden Sie hingegen ein „Ds“, stehen Sie vor dem Einzelrichter beim Amtsgericht, während ein „Ls“ bedeutet, dass sich ein Schöffengericht mit Ihrem Fall befasst. Sollte es sich um sehr schwere Vorwürfe handeln, tauchen Kürzel wie „KLs“ für die Große Strafkammer oder „Ks“ für das Schwurgericht am Landgericht auf. So wird aus dem anfänglichen 12 Js 123/15 der Staatsanwaltschaft bei einer Anklage vor dem Einzelrichter im Jahr 2016 schnell das komplexere gerichtliche Aktenzeichen 520 Ds 12 Js 123/15 – 345/16.

Welche Konsequenzen drohen, wenn Sie das Aktenzeichen verlieren?

Auch wenn es im ersten Moment wie ein unwichtiges Detail erscheinen mag: Der Verlust dieses Zeichens kann in der harten Realität des Strafrechts massive Hürden für Ihre Verteidigung aufbauen. Ohne das Aktenzeichen ist eine Auskunft zu Ihren Akten durch die Behörden erheblich erschwert. Wenn Sie einen Anwalt beauftragen, benötigt dieser zwingend diese Nummer, um schnellstmöglich Akteneinsicht zu beantragen und den konkreten Vorwurf gegen Sie überhaupt seriös prüfen zu können.

Aktenzeichen im Strafrecht

Sollten Sie das Dokument verloren haben oder bisher kein Aktenzeichen mitgeteilt bekommen haben, können Sie versuchen, telefonisch bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft oder dem Gericht nachzufragen. Allerdings erteilen die Behörden am Telefon häufig überhaupt keine Auskünfte. Sie müssen dann schriftlich unter Angabe aller Eckdaten wie Tatzeit, Tatort, Beteiligten und einem Identitätsnachweis darum bitten, dass man Ihnen das Zeichen mitteilt. Personen, die nicht direkt als Beteiligte in das Verfahren involviert sind, erhalten hingegen grundsätzlich keinerlei Auskunft.

Tommy Kujus ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht. Er ist Inhaber der Leipziger Kanzlei KUJUS Strafverteidigung, und bundesweit als Strafverteidiger tätig.

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