Beleidigung – § 185 StGB

Tommy Kujus

Fachanwalt für Strafrecht

Aktualisiert am 10.10.2026

Zwei Nachbarn streiten lautstark am Gartenzaun, einer zeigt mit dem Finger – eine typische Situation für eine Anzeige wegen Beleidigung.KI-generiert

Vom Kindergartenkind bis zum Senior - wohl ein jeder hat bereits Beleidigungen ausgesprochen. Diese können unter Umständen den Strafbestand gem. § 185 Strafgesetzbuch (StGB) erfüllen. Der folgende Beitrag zeigt Ihnen anhand von Beispielen, welche Äußerungen strafbar und welche straffrei sind, geht der sog. Beamtenbeleidigung auf den Grund und informiert Sie über die möglichen Strafen.

Inhaltsverzeichnis

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Wenn Sie eine Vorladung der Polizei oder einen Strafbefehl mit dem Vorwurf der Beleidigung (§ 185 StGB) erhalten haben, wirkt dies im ersten Moment oft harmlos oder gar absurd. Viele Mandanten schütteln den Kopf: „Wegen so einer Kleinigkeit?“ Doch unterschätzen Sie diesen Vorwurf nicht. Was im hitzigen Alltag oft als bloße Unhöflichkeit abgetan wird, ist im Strafrecht ein Delikt, das empfindliche Geldstrafen und einen Eintrag ins Bundeszentralregister nach sich ziehen kann.
Die Situation ist für Betroffene oft unangenehm, da es meist um impulsive Momente geht – einen Streit im Straßenverkehr, einen hitzigen Kommentar im Internet oder eine Auseinandersetzung mit Polizeibeamten. Es ist entscheidend, dass Sie jetzt Ruhe bewahren. Die Grenzen zwischen erlaubter Meinungsäußerung, grober Unhöflichkeit und strafbarer Beleidigung sind fließend und hängen extrem stark von den Details des Einzelfalls ab.

Was ist eine Beleidigung im juristischen Sinne?

Der Gesetzgeber schützt mit § 185 StGB die „Ehre“ eines Menschen. Juristisch bedeutet das, dass nicht jede grobe Unhöflichkeit oder Taktlosigkeit sofort strafbar ist. Eine Beleidigung liegt erst dann vor, wenn Sie durch eine Äußerung Ihre „Missachtung“, „Nichtachtung“ oder „Geringschätzung“ gegenüber einer anderen Person kundtun. Sie müssen dem Gegenüber also durch Ihre Worte oder Ihr Verhalten den elementaren Achtungsanspruch absprechen, der jedem Menschen zusteht.
Es reicht nicht aus, einfach nur unhöflich zu sein. Wenn Sie etwa einen Bekannten auf der Straße ignorieren oder jemanden unfreundlich abweisen, ist das gesellschaftlich vielleicht fragwürdig, aber keine Straftat. Strafbar wird es erst, wenn die Äußerung einen direkten Angriff auf den Geltungswert der Person darstellt.

Worte, Gesten und Symbole: Wie eine Beleidigung aussehen kann

Die klassische Beleidigung erfolgt natürlich durch Schimpfworte. Bezeichnungen wie „Arschloch“, „Idiot“, „Hurensohn“ oder „Bastard“ enthalten ein klares negatives Werturteil. Aber die Rechtsprechung ist hier sehr differenziert: Es kommt immer auf den Kontext an. So hat die Justiz beispielsweise entschieden, dass die Bezeichnung eines Polizeibeamten als „Oberförster“ oder „komischer Vogel“ nicht zwingend eine strafbare Beleidigung sein muss, sondern unter Umständen als bloße Ungehörigkeit gewertet werden kann. Anders sieht es aus, wenn die Grenze zur Schmähung überschritten wird, etwa bei Titulierungen wie „Schwanzlutscher“ oder aggressiven Fäkalsprachen.
Auch Gesten können ausreichen: Der berühmte „Stinkefinger“, das Zeigen eines „Vogels“ (Tippen an die Stirn) oder die „Scheibenwischer-Geste“ im Straßenverkehr sind strafrechtlich relevante Kundgaben der Missachtung. Sogar Symbole können strafbar sein, etwa wenn man ein Bildnis einer Person verunglimpft (z.B. ein „Fahndungsplakat“ eines Politikers erstellt).

Der Mythos der „Beamtenbeleidigung“

Hartnäckig hält sich das Gerücht, es gäbe einen speziellen Straftatbestand der „Beamtenbeleidigung“, der besonders hart bestraft würde. Das ist falsch. Ein Polizist genießt denselben strafrechtlichen Schutz wie jeder andere Bürger auch. Allerdings werden Beleidigungen gegenüber Amtsträgern in der Praxis sehr konsequent zur Anzeige gebracht, da Dienstherren dies oft verlangen.

Wichtig für Ihre Verteidigung ist hier eine feine Unterscheidung:

Kritisieren Sie die Maßnahme oder die Person? Wenn Sie eine Lasermessung der Polizei als „Wegelagerei“ bezeichnen, üben Sie (scharfe) Kritik an der behördlichen Maßnahme. Das ist oft von der Meinungsfreiheit gedeckt und straffrei. Wenn Sie den messenden Beamten jedoch persönlich als „Wegelagerer“ oder „Straßenräuber“ titulieren, greifen Sie seine Ehre an – das ist strafbar. Auch das „Duzen“ eines Polizisten kann im Einzelfall eine Beleidigung sein, wenn es herabwürdigend gemeint ist, muss es aber nicht zwingend, wenn es eher Ausdruck einer allgemeinen Distanzlosigkeit ist.

„ACAB“ und die Kollektivbeleidigung

Oft werden Beleidigungen gegen Gruppen ausgesprochen („Die Soldaten“, „Die Polizei“). Hier liegt eine Strafbarkeit nur vor, wenn sich die Äußerung auf einen klar abgrenzbaren Personenkreis bezieht. Die Parole „ACAB“ (All Cops Are Bastards) ist ein klassisches Beispiel aus der Verteidigungspraxis. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass diese Parole oft straffrei ist, wenn sie sich allgemein an das Kollektiv „die Polizei“ richtet, da dieses Kollektiv zu groß und unbestimmt ist, um beleidigt zu werden. Tragen Sie also ein T-Shirt mit diesem Aufdruck im Stadion, ist das oft nicht strafbar. Anders sieht es aus, wenn Sie die Parole gezielt einer kleinen, überschaubaren Gruppe von Beamten direkt ins Gesicht sagen („Ihr seid ACAB“). Dann individualisieren Sie den Vorwurf, und die Strafbarkeit lebt auf.
Dasselbe gilt für den Satz „Soldaten sind Mörder“. Als allgemeines Zitat zur Kritik an Kriegshandwerk und Militär ist er oft von der Meinungsfreiheit gedeckt. Wird er jedoch einem konkreten Bundeswehrsoldaten an den Kopf geworfen, um diesen persönlich als Kriminellen abzustempeln, ist es eine Beleidigung.

Sonderfall: Sexualisierte Beleidigung

Früher wurden sexuelle Belästigungen oft pauschal über das Beleidigungsstrafrecht abgeurteilt. Hier hat sich die Rechtslage gewandelt. Nicht jede sexuelle Belästigung ist automatisch eine Beleidigung im Sinne von § 185 StGB. Ein unerwünschtes „Anbaggern“, das Hinterherpfeifen („Catcalling“) oder distanzloses Verhalten verletzen zwar das Persönlichkeitsrecht, drücken aber nicht zwingend aus, dass der Täter dem Opfer die Ehre abspricht. Strafbar als Beleidigung wird es erst, wenn die sexuelle Handlung einen herabwürdigenden Charakter hat. Wenn ein Täter beispielsweise einer Frau an das Gesäß fasst und sagt „Hups, angedockt“, kann das als Kundgabe der Missachtung gewertet werden. Auch das ungefragte Zusenden von Genitalbildern („Dickpics“) wird zunehmend strafrechtlich verfolgt, wobei hier oft geprüft wird, ob es sich um eine Verbreitung pornografischer Schriften oder eben eine Beleidigung handelt.

Sonderfälle: Beleidigung gegen Politiker und verhetzende Beleidigung

Neben der einfachen Beleidigung nach § 185 StGB kennt das Gesetz zwei Sonderkonstellationen mit eigenen Voraussetzungen, die in der Praxis immer häufiger angeklagt werden.

Ein Smartphone zeigt einen unscharfen Kommentarverlauf in sozialen Medien – auch Online-Kommentare können eine Beleidigung sein.KI-generiert

Gegen Personen des politischen Lebens gerichtete Ehrdelikte (§ 188 StGB)

§ 188 StGB ist eine Qualifikation für Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens. Geschützt wird der jeweilige Amtsinhaber als Person, nicht das Amt. Erfasst sind hochrangige Berufspolitiker wie Bundespräsident, Bundeskanzler, Minister, Abgeordnete des Bundestages, der Landtage und des Europäischen Parlaments sowie Spitzenfunktionäre von Parteien. Seit der Gesetzesänderung 2021 reicht der Schutz bis zur kommunalen Ebene, also auch zu Bürgermeistern, Landräten und Gemeinderatsmitgliedern. Ausländische Politiker sowie in der Regel Künstler, Wissenschaftler, Geistliche und Journalisten fallen nicht darunter.

Die Tat muss öffentlich, in einer Versammlung oder durch das Verbreiten von Inhalten, etwa im Internet, begangen werden. Sie muss außerdem abstrakt geeignet sein, das öffentliche Wirken der Person erheblich zu erschweren, und einen Bezug zu ihrer Rolle haben. Dass sich der Politiker nur geärgert hat, genügt nicht; die Gerichte müssen dies im Einzelfall konkret feststellen. Ein rüder Kommentar unter dem Facebook-Beitrag einer Politikerin wurde nach der Rechtsprechung trotz formaler Beleidigung als nicht ausreichend angesehen, sodass § 188 StGB nicht anwendbar war. Der Versuch ist nicht strafbar, verfolgt wird die Tat in der Regel nur auf Strafantrag, sonst nur bei besonderem öffentlichen Interesse.

Der Strafrahmen liegt bei der Beleidigung bei bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe, bei der üblen Nachrede bei drei Monaten bis fünf Jahren, bei der Verleumdung bei sechs Monaten bis fünf Jahren, jeweils ohne Geldstrafe. Ein Ziel der Verteidigung kann deshalb sein, den Vorwurf auf den Grundtatbestand der einfachen Beleidigung herunterzustufen.

Im Amtsgericht spricht ein Strafverteidiger in Robe, während der Richter die Akte liest – Verhandlung wegen Beleidigung.KI-generiert

Verhetzende Beleidigung (§ 192a StGB)

Die seit September 2021 geltende Vorschrift schließt eine Lücke zwischen Beleidigung und Volksverhetzung: Sie erfasst verhetzende Inhalte, die nur an Einzelpersonen oder in geschlossenen Chats verschickt werden und deshalb den öffentlichen Frieden nicht stören. Gemeint sind Inhalte im Sinne des § 11 Abs. 3 StGB, also vor allem Nachrichten per E-Mail, SMS oder Messenger. Rein mündliche Äußerungen von Angesicht zu Angesicht fallen nicht darunter. Der Inhalt muss objektiv geeignet sein, die Menschenwürde anzugreifen; eine tatsächliche Verletzung ist nicht erforderlich.

Der Absender muss den Inhalt einer Person unaufgefordert zugehen lassen, die einer gesetzlich bestimmten Gruppe angehört, also einer durch nationale, rassische, religiöse oder ethnische Herkunft, Weltanschauung, Behinderung oder sexuelle Orientierung geprägten Gruppe, und diese Gruppe muss durch den Inhalt beschimpft, verleumdet oder böswillig verächtlich gemacht werden. Geschlecht und geschlechtliche Identität sind nicht ausdrücklich genannt, was in der Verteidigung relevant sein kann. Es genügt, dass die Nachricht, etwa als Weblink, in den Verfügungsbereich des Empfängers gelangt. Bedingter Vorsatz reicht aus. Der Strafrahmen beträgt bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe; der Versuch ist nicht strafbar. Als relatives Antragsdelikt wird die Tat in der Regel nur auf Strafantrag oder bei besonderem öffentlichen Interesse verfolgt.

Welche Strafe droht bei Beleidigung?

Das Gesetz sieht für eine einfache Beleidigung eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe vor. In der Praxis endet das Verfahren für Ersttäter meist mit einer Geldstrafe. Die Höhe der Geldstrafe bemisst sich nach Ihrem Nettoeinkommen (Tagessätze).
Deutlich ernster wird die Lage bei qualifizierten Fällen. Das Gesetz wurde verschärft, um insbesondere „Hass im Netz“ härter zu bestrafen. Wenn die Beleidigung öffentlich, in einer Versammlung, durch Verbreiten von Inhalten (z.B. im Internet) oder mittels einer Tätlichkeit begangen wird, erhöht sich der Strafrahmen auf bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe.

Vorsicht im Internet:

Viele Beschuldigte glauben, ein „Like“ sei harmlos. Doch Gerichte werten das „Liken“ oder „Teilen“ eines fremden, beleidigenden Beitrags oft so, als hätten Sie sich die Aussage zu eigen gemacht. Sie haften dann genauso wie der Verfasser. Da das Internet als „öffentlich“gilt, ist der Strafrahmen hier höher als beim Fluchen am Stammtisch.

Nebenfolgen im Straßenverkehr:

Bei Beleidigungen im Straßenverkehr droht zwar kein automatisches Fahrverbot, aber Gerichte können dies als Denkzettelentscheidung durchaus verhängen, wenn die Beleidigung Ausdruck einer aggressiven Grundhaltung war (z.B. Ausbremsen kombiniert mit „Stinkefinger“).

Über den Autor

Tommy Kujus

Tommy Kujus ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht. Er ist Inhaber der Leipziger Kanzlei KUJUS Strafverteidigung, und bundesweit als Strafverteidiger tätig.

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